„…wir wünschen uns so sehr, dass die Politik mit diesem einen Termin erledigt wäre, dass wir uns danach zurück lehnen können nach mühsam erfüllten Bürgerpflicht. Doch die kommende Wahl wird eine andere, eine die nur den Startschuss für etwas Kommendes ist, mit dem wir uns offenbar noch gar nicht richtig beschäftigt haben.

Zunächst: Es erwartet uns diesmal eine Art Gefühlswahl. Und dies in einer allgemeinen Stimmungslage, in der jeder bereits vermutet, dass die eigene Stimme nichts an dem Ergebnis, zum Beispiel der großen Koalition, ändern wird. Und so stimmen wir gemeinsam ab, von jeder Konsequenz befreit und aus dem Bauch heraus. Die Slogans der Parteien sind hier ja längst entsprechend simpel, möchten nur noch unseren Impuls auf zwei drei Schlagworte. Diese Wahl wird also über die Äußerung des eigenen Wohlbefindens, über die  impulsiv vorgetragene Weltanschauung kaum hinaus gehen. In der Fläche sowieso nicht.

Die Menschen spüren, dass sie eigentlich keine Wahl haben, da ihre Stimme mit den derzeitigen Umfrageergebnissen keinen Wechsel bedeutet. Und unsere entpolitisierte Mittelschicht mit einigen wenigen Shopping- und Urlaubszielproblemen wählt weiter den Status quo. Doch auch dieses Verhalten wird diesmal etwas verändern. Denn es produziert und bestätigt jene frustrierten Wähler, die Politik und Demokratie weiterhin für etwas Gestaltbares halten möchten und vergeblich Alternativen wählen. 

Diese Wahl wird die Zynik in diesem Land intensivieren und teilweise sogar institutionalisieren. Unser demokratisches System hat hier seine gesellschaftlich befriedende Wirkung offenbar verloren, unsere Gesellschaft schafft den Ausgleich nicht mehr und verliert dadurch immer weiter ihre integrierende Kraft. Auch eine Fünf-Prozent-Hürde schützt uns nicht vor uns selbst, uns Weltanschauungswählern, die man nach der Weimarer Republik unbedingt ausschließen wollte. Wir wählen uns mit der AfD nun unseren eigenen kleinen Trump in das Parlament und der Wahltermin gaukelt uns dennoch das nahe Ende des politischen Mühsals vor.

Die eigentliche politische Auseinandersetzung beginnt nach dieser Wahl, über deren Ausgang wir derzeit noch munter spekulieren. Das große rechte Wählerpotential, das wir bisher schlicht durch Verbote verdrängen wollten, steht direkt vor uns, wird in Talk Shows eingeladen, bekommt Redebeiträge für unsägliche Provokationen und weitere menschenverachtende Äußerungen. Bisher haben wir noch keinen Umgang damit gefunden, keine Strategie entwickelt, um mit dieser absehbaren Zynik irgendwie umzugehen. Uns steht ein gesellschaftlicher Kraftakt bevor, und wohl auch eine Zeit des Zorns.

Diese Wahl wird dieses Land wohl mehr verändern, als wir es uns wünschen. Wir müssen uns mental darauf vorbereiten, unserem Nachbarn offen ins Gesicht zu sagen, dass er oder sie ein Arschloch ist und dies wird bestimmt nicht jedem leicht fallen. Wir müssen zukünftig Haltung zeigen und uns im Zweifel auch mal mobilisieren lassen, sollte es um klare Statements gegen Rechts gehen. All dies machen wir uns bisher gar nicht richtig bewusst und dümpeln in diese neue Zeit nach der Wahl, als würden wir an diesem Sonntag etwas klären und bewirken. Das tun wir nicht. Das Politische hat längst die Parlamente verlassen.

Wir werden in den nächsten Jahren so viele unerträglich brutale und reaktionäre Parolen zu hören bekommen, Aussagen, die Gewalt relativieren und die Entmenschlichung anderer wieder gesellschaftsfähig machen, wie wir es beim Thema Flüchtlinge längst erleben. Die AfD wird hier weder ohne Feindbild noch ohne Machtmission weiter existieren und damit auch zukünftig unsere Öffentlichkeiten penetrieren.

Ich tippe übrigens darauf, dass in diesem Zuge das Wort „Linksextremisten“ ein fester Bestandteil unserer öffentlichen Debatten wird. Die auf dem rechten Auge blinde CDU und auch die seit je her profillose FDP werden da gerne mitziehen und stetig auf die Gefahr von Links verweisen, während die rechten Scharfmacher da bereits direkt neben ihnen im Parlament sitzen. Die bürgerlichen Parteien werden in ihren Forderungen sogar gemäßigt wirken, flankiert von der offenen Gewaltverherrlichung und Menschenrechtsrelativierung der AfD. Dies ist der absehbare Effekt eines parlamentarischen Rechtsrucks. Die CDU plakatiert bereits mit „Recht und Ordnung“.

Wir können in Zukunft nicht mehr auf das humanistische Schamgefühl hoffen, das unsere Öffentlichkeiten so lange so hübsch zivilisiert hat. Und ich glaube nicht, dass wir alle darauf wirklich vorbereitet sind.

Das Unversöhnliche hat sich mitten unter uns seine festen Strukturen geschaffen. Im Schutze des Demonstrationsrechtes wird noch die eine oder andere hässliche Meute durch unsere Städte, Dörfer und Gemeinden marschieren, während sich die Republik möglicherweise über das brennende Auto eines AfD-Politikers echauffiert, weil ein Linker die Zynik irgendwann einfach nicht mehr ertragen hat und durchgedreht ist. Das ist alles so absehbar und ich frage mich… und damit auch Sie: Sollte es nicht unsere Aufgabe sein, das Wahrscheinliche zu bedenken? Sind wir dies diesem Land und seiner Geschichte nicht schuldig?

[…]

Diese scheinbar so langweilige Wahl wird unser Leben vielleicht politischer machen, als wir uns dies wünschen. Und der Glaube, es sei ausreichend, alle 4 Jahre mal aus dem Ski-Urlaub in St. Moritz bequem per Briefwahl sein Kreuzchen bei der CDU oder der FDP zu machen, ist sicher Teil des Problems, das muss ich selbstkritisch zugeben…

Uns stehen hässliche Zeiten bevor und wir sollten uns alle mental darauf vorbereiten. Das Ergebnis dieser Wahl ist möglicherweise gar keine neue Regierung, sondern etwas ganz anderes…“

 

Prof. Dr. Wilhelm Cline

aus dem Podcast „Kamingespräch“

Sendung vom 21.09.2017

 

 

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Dort wo die Herrscherworte als Wahrheit gesetzt werden und absolute Haltungen die Menschen zu neuen Chauvinisten formen, wird diese Welt nicht nur Ihren Charme verlieren, sondern Gewalt nach sich ziehen.

Überall dort, wo die Einseitigkeit triumphiert, wo die Unterdrückung von Meinungen und Ansichten weiter in Kauf genommen wird, ist jene Gesellschaft gefährdet, die ich mir wünsche und die wir uns alle wünschen sollten. Es ist unser Umgang miteinander, der unsere Gesellschaft ausmacht, ein Umgang, in dem wir offenbar immer wieder versagen.

Wie kommen wir bloß auf die Idee, eine unerbittliche Parole könne politisch sein, woher rührt der Eindruck, unsere politischen Auseinandersetzungen seien Kämpfe, Kriege, endgültige Siege? Dies wird unserer komplexen Gesellschaft niemals gerecht werden.

In nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen entdecke ich wieder jenen Rausch, in dem die Menschen anderes brutal zum Schweigen bringen möchten. Der Wunsch nach einer absoluten Macht ohne Grenzen lebt wieder auf, in ganz Europa. Grenzen, die an der Freiheit anderer Menschen vormals Einhalt geboten, werden immer schamloser für nichtig erklärt. Bei vielen Zeitgenossen gilt offenbar nur noch die eigene Perspektive und die Gewalt dieser Geste wird daraufhin voller Selbstmitleid zu einem Menschenrecht erklärt. Auch die Akteure demokratischer Staaten bieten dafür immer häufiger maßlose Vorbilder.

Ich schreibe dies unter dem Eindruck der G20-Ereignisse in Hamburg und dennoch ist diese eine Eskalation und deren so unsägliche diskursive Nachbereitung nur ein weiteres Symptom des neuen Zeitgeistes, der mir sehr große Sorge bereitet.

Auch ich kenne selbstverständlich diese Impulse, diesen Wunsch nach Machtworten, die eine Diskussion beenden, ohne daraufhin noch diskutieren zu müssen. Auch ich muss mir eingestehen, dass ich gelegentlich sehr wütend werde – obwohl ‚Zorn‘ bei mir wohl der passendere Begriff wäre.

Ich selbst kenne all diese Räusche, denn ich habe sie in vielen Formen an und in mir studiert, sei es als rhetorische Übungen, die eher ein nüchternes Handwerk, aber dennoch pathetisch gestaltet waren oder als vorsätzlich betrunkener, selbstsüchtiger Autor, ohne verbliebenes Bemühen, einen anderen noch zu überzeugen. Sei es als unerträglich moralischer und dabei vermeintlich gerechterer Mensch, oder als Person mit reifer, aber darin eben auch sehr absoluter und unerbittlicher eigener Philosophie, die ich auch wortgewaltig zu vertreten weiß, wenn dies nötig ist und die anderen keine Chance mehr lässt, mir zu widersprechen.

Ich selbst habe mich diesem Strudel der sozialen Wirklichkeit mit einer kruden Idee von Wahrheit und Richtigkeit entgegen gestellt. Ich erinnere mich hierbei an viele Auseinandersetzungen mit Narzissten, Trollen und Möchtegern-Intellektuellen, mit Zynikern, Haderern und Pessimisten, deren Poesie keine Zukunft mehr formulieren möchte, die sich dem Untergang aller Kultur und der Bestätigung dieser Prophezeiung widmen. Selbst in Gesprächen mit Flachsinnigen oder in Dialogen mit den Vertretern des riesigen unpolitischen Shopping-Milieus in unserem Land trage ich mein Sendungsbewusstsein in mir und weiß, die Oberflächlichkeit und Affektiertheit im Zweifel auch sehr unangenehm zu benennen. Ich weiß, ich kann darin unerträglich bestimmt und abschließend urteilend sein, wenn ich erst einmal wirklich in Rage bin. Ich bin demnach auf keinen Fall unbefleckt oder gar unschuldig, wenn es um den Wunsch nach dem oben kritisierten Machtwort geht, das alles andere zum Schweigen bringt.

Und dennoch bin ich darin nicht militant, denn ich bin fähig, diese Gesten sehr gezielt und angemessen einzusetzen und ich bin im Zweifel auch immer Philanthrop. Ich überschätze mein Gegenüber nicht in seiner Intelligenz und in seiner Selbstreflexion und mir geht es in meinem Handeln gerade nicht um den Ausschluss anderer, sehr persönlicher Perspektiven, die ich nicht immer vollständig kennen kann. So wie ein Mensch in seinem Aufwachsen verschiedene Stufen der Reife durchläuft, hat auch das Begreifen erwachsener Menschen ganz verschiedene Geschwindigkeiten. Ich reagiere hier eher mit Neugierde und meine Siege finde ich dabei in mir selbst und in der jeweiligen Angemessenheit meiner Reaktion, die ich meinem Wunsch nach Absolutheit immer wieder abringe. Ich bin als Kulturwissenschaftler sehr gut darin geschult, andere Ansichten grundsätzlich für möglich zu halten und mache meine eigenen Haltungen so präzise wie möglich transparent, um eine Kommunikation überhaupt zu ermöglichen. Ich versuche, darin schlicht nachvollziehbar zu bleiben, auch für jene, die meinen Standpunkt nicht teilen und widme mich im Großen und Ganzen weiterhin der Überzeugung meines Gegenüber, erlaube dabei zudem immer, auch selber inspiriert zu werden. Ich möchte die Lebenswirklichkeit anderer und die Genese ihrer Ansichten zunächst ernst nehmen, ich möchte zunächst verstehen.

Ich frage mich, ob man für diese Haltung tatsächlich studiert haben muss, oder ob ein vernunftbegabter Mensch auf diese nicht selber stoßen kann. Mir war es durch ein breit gefächertes Magisterstudium noch vergönnt, kein Fachidiot zu werden und dies ist sicherlich ein Privileg.

Doch auch ohne die „deformation professionelle“ produziert die ‚Gesellschaft der Gesinnungen‘ derzeit viele Fach- und Gesinnungsidioten, die sich aus Überforderung oder aus intellektueller Feigheit heraus keinen anderen Blick auf diese Welt mehr zumuten möchten. Auch wenn ich jedem seinen Standpunkt zugestehe, halte ich diese einfältig einseitige Perspektive nicht mehr für eine politische Haltung, da ihre Intervention nur die Überwältigung des anderen sein kann, der vielleicht eine andere Perspektive betont.

Wir nehmen Perspektiven ein und leugnen gleichzeitig die Perspektivität. Dies ist schlicht kleingeistig und ignorant und leider auch sehr gefährlich, wenn wir auf diese Weise Wahrheit und Lüge definieren, diese so unsinnigen Zuschreibungen.

Dem gewöhnlichen, einfachen Menschen kann man hier meiner Meinung nach nur sehr wenig vorwerfen, auch wenn dies in unserer inzwischen sehr abfälligen Gesellschaft sehr üblich geworden ist. Der Fisch stinkt jedoch vom Kopf her.

Sei es die neolieberale Ideologie, die eine Gesellschaft beschreibt und fördert, in der jeder nur sich selbst verpflichtet ist. Sei es das bürgerliche Milieu, das in seinem persönlichen Genie-Kult die Auseinandersetzung mit anderen bereits vorab für völlig überflüssig hält. Besonders in diesem versnobten Milieu trifft man so unglaublich viele radikale Menschen an. Menschen, die ihre gesellschaftliche Position und auch den damit verbundenen Einfluss gar für gottgegeben halten. Auch all die religiösen Vereinigungen spielen bei all den Gesten endgültiger Rechthaberei mit ihren unhinterfragbaren Urtexten weiterhin eine Rolle, aber auch die Psychologie und die Psychoanalyse, die als letzte Empfehlung häufig nur noch die Egozentrik und die Selbstsucht kennen, fördern mit diesem Ideal eines „gesunden“ Menschen, dass man sich jederzeit legitim über alles andere stellen darf, wenn es mal irgendwo etwas komplizierter wird. Selbst der Feminismus hat in dieser Hinsicht klar aparte Züge, indem er die Beziehung zum anderen Geschlecht und die damit verbundene Aushandlung des eigenen Selbst in gesellschaftlichen Kontexten krude für eine Kompromittierung des reinen Individuums oder gar für eine Unterwerfung hält. Er fordert „Safe Spaces“, in die man sich ungestört zurückziehen kann und konzipiert damit immanent die Öffentlichkeit als etwas belastendes, das man getrost ausgrenzen darf, wenn man dort auf Fremdes, Überforderndes stößt.

All dieses spielt als großer Diskurs zusammen. Es ist nicht meine Aufgabe als Intellektueller, hier irgendwen zu schonen. Ich bleibe dem gelegentlich auch unangenehmen Denken weiter verpflichtet und behaupte weiter mahnend, dass wir auf dem Weg in eine beziehungsunfähige Gesellschaft sind, obwohl eine Gesellschaft gerade aus diesen Beziehungen besteht und von diesen getragen wird. Es mag für den Einzelnen vielleicht schwierig sein, sich mit der Vielfalt, dem Fremden und dem Widersprüchlichen auseinander zu setzen, doch das, was man in diesen Zeiten als „politisch“ bezeichnen kann, ist eben nicht mehr eine einseitige, unerbittliche Haltung, sondern jene Differenzierung und Multi-Perspektivität, die wir unbedingt weiter aufrecht erhalten müssen. Sie ist es, die gefährdet ist und die wir als Chauvinisten täglich vernichten. Dies mag für viele, die sich in ihrer Absolutheit eingerichtet haben, eine sehr verquerer und ungemütlicher Gedanke sein, aber es ist nicht mehr die harsche, selbstbefriedigende Parole, die derzeit „politisch“ zu nennen ist, da sie in dieser unsäglichen Form unseres zeitgenössischen Umgangs eben keine Intervention mehr bedeutet. Politisch wird die Art und Weise, wie wir trotz einer vorläufigen Überzeugung weiter miteinander umgehen.

Um hier kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Man darf darin durchaus bestimmt sein und seinen Standpunkt formulieren, doch der niedere Reflex und die ‚Fantasie einer Überwältigung des Anderen‘ müssen auf diesem Kontinent unbedingt zurückgedrängt werden, um Schlimmeres zu verhindern.

Es darf jeder sein, doch die Grenze unseres Handelns muss die Machtergreifung über andere sein, so schwer es uns auch fällt, dieser Lust und diesem schönen Rausch nicht selbstherrlich nachzugeben. Wir müssen jedem Menschen erlauben, zu sein, sich zu überdenken und sich ändern zu können, genau so, wie auch wir selbst geworden sind. Das sind zumindest die Erfolgsgeschichten, die ich kenne.

Das können wir als unorganisierte Zivilgesellschaft tun, stolz und offen zugleich. Mit solchen Gesten sollten wir überall, wo wir können, unsere humanistischen Akzente setzen. Wir brauchen mehr von diesen Auseinandersetzungen, ohne den niederen Wunsch, eine Macht zu erlangen, die andere endgültig unterordnet und zum Schweigen bringt.

Es ist der schwerere Weg und auf unsere Eliten sollten wir uns in dieser Hinsicht nicht verlassen, denn ihr Dasein folgt einer anderen Logik. In diesem gelebten Pazifismus sind wir die Basis dieser Gesellschaft. Darin sind wir die außerparlamentarische Opposition.

Wir können dabei auch mal über eine zugespitzte Parole lachen und uns ironisch amüsieren. Doch mit unserer Leidenschaft sollte im Zweifel immer zu rechnen sein, einer Leidenschaft, die keine Angst hat, sich der Diskussion zu stellen und die für ihren Standpunkt niemanden überwältigen und zum Schweigen bringen muss, um zu triumphieren.

Selbstverständlich darf man da anderer Meinung sein.

…so viele fühlende Wesen, erfahrend, werdend, wissend. Was willst du noch sein unter diesen Menschen, was maßt du dir an, über sie hinaus zu gehen und zu behaupten, mehr zu sein, als die Liebe eines jungen Mädchens und der Stolz eines alten Mannes, als der Verve, der Ehrgeiz und die Findigkeit eines strebenden Menschens? Wofür braucht die Welt einen Denker, der nicht im Leben ist, sondern sich außerhalb von diesem weiter entfernen will und jener Dynamik grundsätzlich misstraut, die unsere Welt über viele Jahrtausende hinweg erschaffen hat? Brauchen wir mehr als den Trieb der Massen, als eine Herde aus Egoisten und die Ästhetik erblühender, junger Körper in ihrem Größenwahn selbstgerechter Gleichgültigkeit? Was müssen wir schon wissen, über unsere Lust hinaus, über die Leidenschaft unserer Egos, wofür benötigen wir die Zynik, wenn sie all das Leben in und um uns herum niemals bestätigen will, wenn sie uns Menschen nicht das Menschsein lässt? Und was feiern wir, wenn wir uns Urteile über unsere Mitmenschen erlauben, wenn wir sie als ernste Wesen erzwingen wollen, wenn wir ihre ursprünglichen Regungen, ihre Intuitionen aufgeben und uns damit von der Welt weiter entfremden, deren Spektakel wir aus unserer Distanz heraus betrachten möchten? Helfen uns all diese kontaktlosen Schreiber und Lotsen wirklich weiter, jene, die kein Teil mehr des Werdens sind, das diese Welt täglich erschafft, werden sie mit ihrem Blick von außen auf uns den Stolz eines jungen Mädchens und die Liebe eines alten Mannes begreifen, werden wir weiser, wenn wir uns von jener Wirklichkeit entfernen, die unser gemeinsames Sein nunmal bestimmt? Wo sind bloß all die feiernden Philosophen hin, die Kyniker und Treiber eines machtlosen Seins? Wer übernimmt noch Verantwortung in den vermeintlichen Randbezirken des bürgerlichen Selbstverständnisses, die durch ihre riesige Einwohnerzahl den pädagogischen Kontrollphantasien weiter trotzen werden und die Bigotterie einer wahrheitsverliebten Leitkultur immer wieder spielend überrumpeln? Welche Buchmesse, welche Podiumsdiskussion glaubt als nächstes, dass sie kulturelle Relevanz entwickelt und in unserer Gesellschaft etwas verändern wird? Sind es nicht gerade jene Menschen, über die sich der Denker so selbstgefällig erhebt, die für ihn jene herzlich soziale Pflicht erfüllen, die der Abgehobene für seine eigene Erkenntnis und seine Forderung hält? Hinkt der Intellektuelle der Praxis nicht längst hinterher, hofft er nicht weiterhin auf seinen Coup in einem Milieu, das auf den normalen Menschen weiterhin herabschauen muss, um zu bleiben was es ist?

Beginnt man nicht, indem man endet und ist der Punkt am Ende eines Satzes nicht ebenso schön wie das Schweigen zwischen den ungeschriebenen Zeilen? Warum formulieren wir all die Dinge, die längst in uns übergegangen sind? Weil wir in diesem Formen weiter suchen? Weil wir unserem Denken eine Pause gönnen möchten in einem Stück? Strohhalme der Schlagfertigkeit in unseren Notizbüchern, Haltungen zur Unendlichkeit unseres Seins, die uns Nomaden ruhen lassen, die Phantasie eines Punktes auf einem Material, das uns erinnern kann, als sei die Flüchtigkeit nicht real. Wir Menschen können so wenig fassen und träumen dennoch von dem Ganzen in einem Satz, prüfen, ob die neuen Worte unsere Heimat werden könnten. Doch im Schreiben dürfen wir werden und dass wir bleiben ist eine sehr romantische Idee, die dieser schönen, vielseitigen Welt wohl niemals gerecht werden kann. Vielleicht überwinden wir ja irgendwann die Mantras und Weisheiten in Satzform, nehmen die Welt in uns auf und lassen sie ohne Zeichen klingen, erlauben uns, dass auch wir ein weiterer Punkt sein dürfen, der die Beschreibung und den Text nicht mehr braucht. Doch bis dahin, bis wir uns als Menschen derart lieben, sollten wir schreiben und uns weiter kennenlernen. Träumt euch schön. Gute Nacht.

Bereits alles gewesen, doch nie geblieben, alles gehabt, nie verharrt, gerne an Widerständen aufgerieben und dabei immer angetrieben von dieser Ruhe in den eigenen Trieben, von unserer Größe im Spagat, bis wir uns als Menschen lieben, bis jeder etwas davon hat.

Wann haben wir eigentlich die Suche zur Flucht gemacht, die Flucht zur Schuld, die Schuld zur Religion, Glauben zu Sinn, den Sinn zu Hass?

gnz

Auf Zeit schreiben, ist eine der schönsten Übungen. Ich habe fünfzehn Minuten und werde sie nun mit diesem Text füllen. Sie als Leser mögen sich dabei fragen: Wo bleibt denn da der Sinn, wie bleibt da ein Zweck erhalten, wer bleibt hier noch die Sorgfalt in Person? Und was wird aus der Zeit, die ich hier nun verschwende? Ich kenne die Zeit inzwischen sehr gut und kann Ihnen versichern: Sie interessiert sich nicht für uns und diese komische Verschwendungsunlust. Sie ist unbelebte Natur und hat derzeit viel kosmischere Probleme, um die sie sich seit Raumgedenken kümmert und damit jedem menschlichen Fleiß und jeder Ernsthaftigkeit wohl ein paar Urknälle voraus ist. Aber es kann dennoch sinnvoll sein, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen. Denn sie ist ein Gott, der tatsächlich Wunden heilt, sie ist ein Gebet, dass wir sekündlich in unserem Alltag wiederholen, sie hat mehr Götzen an unseren Handgelenken und in unseren Städten, als katholische Dorfpädagogen Kreuze in bayerische Klassenzimmer nageln können, selbst Kirchtürme beugen sich ihrer universellen Macht, auch ich schreibe hier auf Zeit und unterwerfe mich damit. Und es ist durchaus zweckvoll über die Zeit zu schreiben, da man sie dabei beobachten kann, wie sie vergeht. Wir dürfen dabei über ihre Vergänglichkeit lächeln. Dieses Ziel muss ein Text über die Zeit, der sich nicht nur als weitere Reihung von Zahlen und Fakten verstehen will, meiner Meinung nach anstreben und erreichen. Auf die üblichen Zwänge und Nutzungsvorschriften der Zeit darf man hierbei keine Rücksicht nehmen und erfüllt damit vielleicht sogar mehr Zweck als die Arbeit, die man erfüllen müsste. Es hat dabei durchaus etwas Sorgfältiges, auf knappe Zeit zu schreiben, denn man eröffnet sich eine unwahrscheinliche Zeittür ins Nichts, einen kleinen Raum für die Häresie gegenüber dieser sonst so unerbittlichen Gottheit. Die Rechtschreibkorrektur bügelt viele der orthografischen Falten aus, der Fluss der Worte hat seinen eigenen Stil und dies trainiert uns, schnell und ungehemmt ein paar Sätze zu reihen, deren Funktion noch völlig offen ist. Man gewinnt dabei sogar etwas Zeit, wenn der Text ohne verkrampfte Satzbau-, Wortsuch-, Stilstolper- und Faktencheck-Bemühungen zunächst rasch hinausgeschrieben werden darf. Und wer dies nun möchte, kann diesen kleinen Text mit einem zähen Korrekturzuckerguss überziehen oder mit Analogkäse überbacken und als Kolumne auf Papier drucken. Dies könnte, lieber Leser, neben der bereits verschwendeten Lektüredauer aus Ihrer Zeit werden, wenn Sie diese ernsthaft verschwenden möchten. Ich wünsche Ihnen in dieser zeitlosen Tätigkeit viel Erfolg.

gnz

Ein neues Leben, aus der Rippe meines zerbrochenen Herzens, ein neues Paradies.

gnz gnz

Ich hatte mal die Vermutung, dass eine Suche nach fremden Menschen immer mit Neugierde einhergehe. Ich dachte, dass eine pseudonyme Welt beinhalte, sich fernen, unschicklichen, absurden und herausfordernden Gedanken anzunähern. Ich pflegte ein Menschenbild, in dem der einzelne gerne an seiner Erweiterung arbeitet, in dem das Fremde noch erotisch ist und uns exotisch inspirieren darf.

Sind wir noch fähig, mit der Welt zu flirten?

gnz

…nichtig sein, ein ruhendes Wesen unter vielen, das geschehen lässt, das schläft und vergisst, bis es nur das gewesen ist…