Bereits alles gewesen, doch nie geblieben, alles gehabt, nie verharrt, gerne an Widerständen aufgerieben und dabei immer angetrieben von dieser Ruhe in den eigenen Trieben, von unserer Größe im Spagat, bis wir uns als Menschen lieben, bis jeder etwas davon hat.

Wann haben wir eigentlich die Suche zur Flucht gemacht, die Flucht zur Schuld, die Schuld zur Religion, Glauben zu Sinn, den Sinn zu Hass?

gnz

Auf Zeit schreiben, ist eine der schönsten Übungen. Ich habe fünfzehn Minuten und werde sie nun mit diesem Text füllen. Sie als Leser mögen sich dabei fragen: Wo bleibt denn da der Sinn, wie bleibt da ein Zweck erhalten, wer bleibt hier noch die Sorgfalt in Person? Und was wird aus der Zeit, die ich hier nun verschwende? Ich kenne die Zeit inzwischen sehr gut und kann Ihnen versichern: Sie interessiert sich nicht für uns und diese komische Verschwendungsunlust. Sie ist unbelebte Natur und hat derzeit viel kosmischere Probleme, um die sie sich seit Raumgedenken kümmert und damit jedem menschlichen Fleiß und jeder Ernsthaftigkeit wohl ein paar Urknälle voraus ist. Aber es kann dennoch sinnvoll sein, sich mit der Zeit auseinanderzusetzen. Denn sie ist ein Gott, der tatsächlich Wunden heilt, sie ist ein Gebet, dass wir sekündlich in unserem Alltag wiederholen, sie hat mehr Götzen an unseren Handgelenken und in unseren Städten, als katholische Dorfpädagogen Kreuze in bayerische Klassenzimmer nageln können, selbst Kirchtürme beugen sich ihrer universellen Macht, auch ich schreibe hier auf Zeit und unterwerfe mich damit. Und es ist durchaus zweckvoll über die Zeit zu schreiben, da man sie dabei beobachten kann, wie sie vergeht. Wir dürfen dabei über ihre Vergänglichkeit lächeln. Dieses Ziel muss ein Text über die Zeit, der sich nicht nur als weitere Reihung von Zahlen und Fakten verstehen will, meiner Meinung nach anstreben und erreichen. Auf die üblichen Zwänge und Nutzungsvorschriften der Zeit darf man hierbei keine Rücksicht nehmen und erfüllt damit vielleicht sogar mehr Zweck als die Arbeit, die man erfüllen müsste. Es hat dabei durchaus etwas Sorgfältiges, auf knappe Zeit zu schreiben, denn man eröffnet sich eine unwahrscheinliche Zeittür ins Nichts, einen kleinen Raum für die Häresie gegenüber dieser sonst so unerbittlichen Gottheit. Die Rechtschreibkorrektur bügelt viele der orthografischen Falten aus, der Fluss der Worte hat seinen eigenen Stil und dies trainiert uns, schnell und ungehemmt ein paar Sätze zu reihen, deren Funktion noch völlig offen ist. Man gewinnt dabei sogar etwas Zeit, wenn der Text ohne verkrampfte Satzbau-, Wortsuch-, Stilstolper- und Faktencheck-Bemühungen zunächst rasch hinausgeschrieben werden darf. Und wer dies nun möchte, kann diesen kleinen Text mit einem zähen Korrekturzuckerguss überziehen oder mit Analogkäse überbacken und als Kolumne auf Papier drucken. Dies könnte, lieber Leser, neben der bereits verschwendeten Lektüredauer aus Ihrer Zeit werden, wenn Sie diese ernsthaft verschwenden möchten. Ich wünsche Ihnen in dieser zeitlosen Tätigkeit viel Erfolg.

gnz

Ein neues Leben, aus der Rippe meines zerbrochenen Herzens, ein neues Paradies.

gnz gnz

Ich hatte mal die Vermutung, dass eine Suche nach fremden Menschen immer mit Neugierde einhergehe. Ich dachte, dass eine pseudonyme Welt beinhalte, sich fernen, unschicklichen, absurden und herausfordernden Gedanken anzunähern. Ich pflegte ein Menschenbild, in dem der einzelne gerne an seiner Erweiterung arbeitet, in dem das Fremde noch erotisch ist und uns exotisch inspirieren darf.

Sind wir noch fähig, mit der Welt zu flirten?

gnz

…nichtig sein, ein ruhendes Wesen unter vielen, das geschehen lässt, das schläft und vergisst, bis es nur das gewesen ist…

Wir trauen der offenen Selbstsucht unserer Mitmenschen inzwischen mehr als einer Bitte um Hilfe. Die Achtlosen erwarten wir bereits und können uns in ihrer Rücksichtslosigkeit sehr gut einrichten. Von dem Flehenden hingegen verlangen wir Nachweise für seine Bedürftigkeit und mehr Rechtfertigung als von Menschen ohne Not in ihrem ebenfalls sehr unerhörten Dasein.

Der Bedürftige verkauft auf offener Straße unser Mitgefühl, nötigt uns zur Nächstenliebe und rechnet doch kühl mit unserem Gewissen. Und bei persönlicher Zuwendung verweigert er uns eine bleibende Beziehung oder die Aussicht auf soziale Veränderung. Und durch die Wiederkehr an den immer gleichen Sammelort nimmt er uns die Genugtuung, dass unsere Schenkung etwas bewirken konnte, oder wieder bewirken könnte, sollten wir uns erneut auf diesen Fremden einlassen, der uns in seiner Bedürftigkeit zu nahe kommt. Wir beurteilen den Bettler gelegentlich härter als andere Passanten, die in ihrem Leben nie echte Probleme hatten. Und ich frage mich, ob es uns in Zukunft nicht immer schwerer fallen wird, einem fremden Schicksal gegenüber Offenheit zu bewahren, wenn wir bereits auf dieser sehr alltäglichen Ebene eine solche Härte entwickeln.

Ja, auch das spontane Mitgefühl, diese letzte menschliche Naivität, die in moderner Blasiertheit noch übrig ist, wird offenbar geschäftstüchtig abgeschöpft. Doch während all die Werbung um uns herum auf Lust und Affekte, auf Gefühle und Gemeinschaft setzen darf, empfinden wir den emotionalen Anlass eines Bedürftigen weiter als Zumutung, als einen Übergriff, als einen möglichen Betrug oder zumindest als Übervorteilung, bei der man uns überrumpelt und unser schlechtes Gewissen ausnutzt. Wir misstrauen ausgerechnet diesen Menschen, wenn sie ihre emotionalisierte Geschäftsbeziehung anbahnen, obwohl sie uns doch so ähneln, obwohl sie unserer Geschäftswelt so gleichen und diese ungeschönt spiegeln, um zu überleben.

gnz

Ich bewege mich vorsichtig, denn der Parkweg ist dunkel, stellenweise nass und meine Schuhe sind neu und wirken etwas zu teuer für diese Gegend. Dennoch versuche ich, zügig Richtung Bahn zu gehen. Ich will nicht neunzehn Minuten auf den nächsten Zug warten wie beim letzten Mal. In diesem Stadtteil erspare ich mir gerne den Kontakt zu Ortsansässigen, vermeide Gelegenheiten, in denen sie sich näher mit mir beschäftigen können. Ich nähere mich rasch dem blauen U-Bahn-Schild, leuchtendes Symbol für die Erreichbarkeit eines städtischen Zentrums.

Der Kiosk an der Station hat seine erst kürzlich gitterverstärkte Glasfront mit einer zusätzlichen Kette samt Vorhängeschloss gesichert. Vor ein paar Stunden hatte mir der Besitzer erläutert, man würde ihm regelmäßig die Scheibe einschlagen, um Zigaretten zu klauen. Wohlmöglich seien die Einbrecher jene Kunden, die vor seinem Laden abhängen, ihn bitten, nochmal seine Toilette benutzen zu dürfen und dauernd Gefallen einfordern, während sie ihn schamlos beklauen, sollte durch ein solches Manöver genügend Ablenkung entstehen. Der Besitzer und ich sehen uns nur acht neun Mal im Jahr, doch ich kenne diese Szenen vor seiner und in seiner Bude als tägliches Geschäft. Er schien immer wieder froh zu sein, in mir einen normalen und harmlosen Kunden zu haben, den er bedienen kann. Am frühen Abend wirkte er immer noch etwas verstört von dem letzten Einbruch, sah in jedem der neu eintrat einen potentiellen Täter und es war das erste Mal in unseren kurzen Kassengesprächen, dass durch diese Verunsicherung bei ihm ein vorher unbekannter Akzent durchbrach. Er fühlte sich in seinem eigenen Laden sichtlich unwohl, durch die Gitterstäbe war es nun düsterer und er sah nicht mehr so gut, wer vor seinem Laden rumlungerte, obwohl sein Blick immer wieder nervös dorthin glitt. Was sagt es über einen Menschen aus, wenn er für eine Schachtel Zigaretten die wirtschaftliche Existenz einer anderen Person gefährdet, die er wohlmöglich täglich freundlich grüßt?

Es ist drei Uhr nachts, der Bahnsteig ist fast leer. Ich habe den Abend auf dem Sofa eines Freundes verbracht und bin noch viel zu nüchtern und aufmerksam mit meinen Blicken. Als ich die Treppe zum Bahnsteig hinunter gehe, wechsle ich in den Modus eines expressiven Desinteresses. Über den Steig verteilt, in zehn Meter Abständen warten vier Männer, hinter mir höre ich ein zwei weitere Fahrgäste, die noch dazu stoßen. Ein kräftiger, vielleicht auch lediglich etwas fetter Typ hat noch nicht bemerkt, dass ein Kurzzug angekündigt ist und der Einstieg diesmal weiter hinten liegt. Als ich an ihm vorbei gehe, spielt er auffällig nervös mit einer Zigarette und fragt, ob ich rauche. Ich erkläre ihm, Nein, es täte mir leid, ich hätte auch kein Feuer und klopfe für ihn demonstrativ meine Jackentaschen ab. Er zieht ein Feuerzeug aus seiner linken Hosentasche und zeigt es mir verstohlen. Ich ignoriere die verstörende Geste, die weiterhin völlig offen lässt, was er eigentlich von mir will und bleibe ein paar Meter weiter stehen, um auf die Bahn zu warten. Sein Schlurfen kündigt an, dass er sich nähert und ich bin innerlich bereits etwas entnervt, dass ich mich nun mit ihm auseinandersetzen muss. Als er mich fast schon berührt schaue ich ihm kurz in die Augen und sage, schlicht um irgendetwas zu sagen, „Kurzzug“, hier vorne sei der Einstieg und weise dabei auf die Markierung. Er hat ein weiches Gesicht und ist offensichtlich bereits stark betrunken. Er schaut sich etwas nervös um, als uns in gewissen Abständen zwei Typen passieren und ich bin mir weiterhin unsicher, für welches Anliegen er so nah bei mir ist und dieses Publikum scheut. Unruhig zündet er sich seine Zigarette an. Ich spare mir den Hinweis auf den Nichtraucherbahnhof. Er weist den beiden dunkelhaarigen Typen bedeutungsvoll hinterher und wird immer noch nicht klarer, was er eigentlich von mir will. Langsam vermute ich, dass er sich zu mir gestellt hat, weil er vor irgendetwas Angst hat. Er könne mir so einige Geschichten erzählen, bleibt er weiter nebulös, spielt weiterhin mit bedeutungsvollem Blicken in Richtung der anderen Wartenden. Es fällt das erste Mal das Wort „Asylanten“, aber er traut sich noch nicht ganz, mir gegenüber seine Ansichten zu diesem Thema zu äußern, er prüft zunächst wie ich reagiere. Ich versuche sein mögliches Pauschalurteil etwas zu lokalisieren und frage rhetorisch, ob dies ein krasses Viertel sei. Er winkt ab und wendet ein, er käme von St. Pauli und da wäre es noch krasser. Auch da könne er mir Geschichten erzählen. Sein Sprachvermögen scheint anderer Meinung, der Alkohol sorgt für ausgedehnte Sätze. Er hält plötzlich eine ungeöffnete Bierdose in der Hand und erklärt mir mit einem stolzen, bauernschlauen Glitzern in seinen Augen, dies sei seine Waffe für den Notfall, die habe er für den Fall der Fälle immer griffbereit. Wir steigen gemeinsam in die Bahn und mir ist bereits klar, dass er seine Geschichten noch loswerden will und sich zu mir setzen wird. Neulich sei es hier zu Auseinandersetzungen gekommen. Bei diesen Worten dreht er sich wieder bedeutungsvoll aber auch etwas misstrauisch zum Rest des Waggons um. „Und du hast versucht, alle zu beruhigen?“, gebe ich ihm eine Vorlage, in der sich andeutenden Schläger-Erzählung ein positive Rolle zu spielen. Klar, antwortet er prompt, er habe ihnen damals gesagt, „Das bringt doch alles nichts, Digga.“ In der Erzählung des Hamburgers beginnt nun eine längere Digga-Episode, in der seine gelallten Sätze tatsächlich etwas mehr Halt und Nachdruck gewinnen. Schnell werde auch ich mit Digga adressiert, als seien wir alte Kollegen. „…aber dann kaufe ich mir halt ein neues Handy und noch ein neues Handy“, endet er gequält lächelnd und resignierend. Wir sind erst eine Station gefahren, es liegen noch zahlreiche vor uns. Hier wohne er eigentlich, doch hier könne er nicht mehr aus- oder einsteigen, denn dort oben bekäme er sofort eins aufs Maul. Deshalb gehe er immer eine Station weiter. Wieder versucht er irgendeinen Satz mit „Flüchtlingen“, „Asylanten“ oder „Ausländern“ zu formulieren, ohne ihn zuende zu bringen oder zu einer Aussage zu vollenden. Es gebe solche und solche, versuche ich ihm als relativierenden Standpunkt abzuringen. Er stimmt mir zu, wiederholt den Satz zwei drei Mal, als versuche er noch, darin Sicherheit zu gewinnen. Er habe ja nichts gegen Ausländer, er selbst sei Pole, habe die ersten zehn Lebensjahre in Polen verbracht. Mit den Frauen von den Ausländern käme er auch immer gut klar, nur die Männer würden immer Stress machen und seien das Problem. Ich muss umsteigen und habe mich schon erleichtert verabschiedet, doch er muss mit raus und in die Bahn Richtung St. Pauli wechseln, denn er wolle heute noch feiern und hoffe, dort Kollegen zu treffen. Im neuen Bahnwagen stolpert er über eine Truppe Mädels, ich höre nicht, was sie ihm entgegnen, doch es animiert ihn zu einer weiteren Handgeste, die alle anderen Fahrgäste abschätzig kommentiert. Diese ganze geheuchelte Nettigkeit in Deutschland, er könne das nicht mehr ertragen. Er äfft ein Mädchen nach, das behauptet, sie sei die beste Freundin eines anderen Mädchens. Es sei schon komisch, dass er das als Pole sage, aber wie es im Moment in Deutschland laufe – es ist ein weiterer unvollendeter Satz. Er habe einen Kollegen, der wäre genauso wie ich, der habe sein Fach-Abitur mit 1,0 bestanden und würde jetzt Architektur studieren, der wäre schon krass, ob ich den kennen würde. Der würde immer sagen, er solle zu ihm an die Uni kommen, doch mit seinem schlechten Abschluss würden die ihn auf keinen Fall nehmen, lacht er über die Naivität seines Kollegen. Mathe 5,0. Er könne das alles, aber bei Prüfungen wisse er nichts mehr, der Druck und so. Aber so wie es in Deutschland derzeit laufe, denke er an auswandern. Norwegen. Oder wenn es da nicht klappt, dann Neuseeland. Aber er sei doch Deutscher und Hamburger, wende ich ein. Sein Großvater sei Deutscher gewesen, sein Vater nicht, seine Mutter sei Polin. Er liebe Deutschland, er liebe Hamburg. Aber er fühle sich von Merkel verarscht. Die würde nichts für ihr Volk tun. Die ganzen Flüchtlinge reinzulassen – der Satz endet nicht. Eigentlich sollten wir beide, eigentlich solle dieser ganze Wagen, die ganze Bahn jetzt sofort nach Berlin fahren und Merkel, die Schlampe umhauen, ihr sagen, dass sie nichts für ihr Volk tue und sie umbringen. Mir fehlen langsam die Worte, er kommt wieder auf die Flüchtlinge zu sprechen, denen es finanziell zum Teil besser ginge als uns beiden. Ich wende ein, dass es uns insgesamt in Deutschland schon recht gut gehe. Das meine ich nicht ernst, insistiert er erstmals sichtlich überrascht und offen entrüstet. Die bekämen mehr als wir und würden nicht mal arbeiten. Ich wende ein, die dürften ja zum Teil gar nicht arbeiten. Das lässt er nicht gelten. Ich wende ein, dass die ja in den meisten Fällen nicht aus Spaß hier seien, sondern gute Gründe für ihre Flucht hätten. Das sieht er ein. Wenn da Familien kämen, Vater und Mutter mit Kind, denen müsse man natürlich helfen. Ich ergänze, dass es ja nur ganz wenige Herkunftsländer seien, bei denen man eine Chance auf Asyl in Deutschland habe. Es wird für ihn unangenehm und er merkt, dass er in mir nicht den Gleichgesinnten finden wird, den er sich in seinem wirren Suff gewünscht hätte. Zum Glück fährt die Bahn auf St. Pauli ein. Ob er nicht hier raus müsse. Er rafft sich auf und meint plötzlich zuversichtlich, er gehe jetzt noch was trinken und würde danach noch jemandem aufs Maul hauen. Er sagt dies feierlich, als würde er sich damit etwas gönnen, als hätte er sich dies verdient. „Nee“, sage ich, „lass mal lieber stecken“. Als habe ich mir mit dieser Äußerung um ihn Sorgen gemacht, versucht er mich abschließend zu beschwichtigen: „Keine Angst, ich bin nicht allein.“ Es beruhigt mich keineswegs.

Was bewegt einen polnischen Deutschen dazu, sich derart um das deutsche Volk zu sorgen, dass er über das Auswandern nachdenkt und aus seiner neuen Heimat fliehen möchte? Ich sorge mich nicht um dieses Land und meine innere Ruhe, mein Selbstbewusstsein und mein Stolz haben andere Quellen als ein komischer heimattümelnder Abstammungsdiskurs. An diesem Abend werde ich leider die böse Ahnung nicht los, dass so manch Zugewanderter dies anders hält und dass dies wohlmöglich der Grund ist, warum ein Pole in manchen Situationen zum Opfer wird. Vielleicht bleibt in jenen Stadtteilen, in denen man für eine einzige Zigarette einen ganzen Kiosk zerstört, die eigene Abstammung einer der wenigen Aspekte, der den Bewohnern noch ein Gefühl von Würde vermittelt.

Die meisten Auswanderer überhöhen ihre Heimat derart, dass sie ihre Herkunft noch über die Jahrhunderte hinweg zelebrieren und im selbstgewählten Exil selbst Bräuche überdauern, die in der einstigen Heimat gar nicht mehr gepflegt werden. Die Abstammung und die von den Eltern tradierte Identität besitzt eine gewisse Beharrlichkeit, ganz besonders in der Fremde. Auch mein Gesprächspartner an diesem Abend sah sich immer als Pole, als sei dies noch von Bedeutung. Vielleicht hätte ich ihm eine deutsche Siedler-Kolonie in Südamerika empfehlen sollen. Dorthin könnte er auswandern und zugleich in einem Deutschland bleiben, das es nicht mehr gibt und nicht mehr geben wird.

Überall auf der Welt gibt es solche Exil-Reservate, konservative Enklaven, in denen sich ein veraltetes Selbstverständnis abkapselt und in ein ungestörtes, endemisches Eigenleben rettet. Dort leben Menschen, die den Chauvinismus ihrer Eltern nicht überwinden konnten, die weiter ehrfürchtig Ihren Großeltern zuhören, die alle Enkel auf Herkunft und Bräuche verpflichten, um mit den sterbenden Körpern nicht endgültig zu verblassen.

Die Überhöhung der eigenen Herkunftsidentität ist im Angesicht des Fremden ein völlig normales Phänomen. Und dennoch wünsche ich mir, dass dieses trennende Bergdorfdenken ein Widerspruch zur modernen Großstadt bleibt, die alles aufeinanderprallen lässt und weiterhin alles mit allem verbindet will. Ich hoffe weiterhin, dass die europäische Stadtluft all die archaischen Ideologien, die an Stamm, Familie und Volk glauben, irgendwann überwinden wird. Doch inzwischen ich zweifle ich daran.

[Triggerwarnung: Der folgende Text kann Darstellungen von sprachlicher Gewalt und rücksichtslose poetische Verzerrungen beinhalten. Er erwähnt sowohl ein verstörtes Ich, das für den ungeschützten Zugang zur äußeren Wirklichkeit noch zu zart ist oder einst zu empfindlich wurde, als auch dessen Herausforderung durch die Schilderungen anderer Menschen. Er nutzt eine skrupellose rhetorische Strukturierung, formuliert schonungslos zahlreiche Zuspitzungen und thematisiert das Recht auf eine für das Individuum angepasste Welt, die das Trauma zur Normalität erhebt.]

…und dieser letzte Aufschrei einer kaputten Seele war im Sinne der Steigerung wohl ihr Endpunkt, ein unüberhöhbarer Gipfel ihrer Anklage und fand in dieser letzten Verausgabung doch kein Ende, verklang unerhört in der zehrenden Dehnung einer nie endgültigen, viel zu dezentralen Welt, die den einzelnen und sein Leid überleben würde…

…überall sah er nun diese aufgerissenen Münder, stumm erstarrte Rachen, die mit schreiender Fratze ihren Klimax längst verspielt hatten, eine bis zum Äußersten eskalierte Mimik, deren Ultimatum an die Welt bereits vor langem abgelaufen war…

…ein erkalteter Wahnsinn sprach aus diesen Gesichtszügen, eine Misanthropie, die niemanden mehr rühren konnte. All die endgültig Gesteigerten warteten vergeblich auf ihre Genugtuung und die Enttäuschung darüber fraß sich unerbittlich nach innen, bis sie alles Menschliche nahm, für das man sich noch respektierte…

gnz