Sie ließ nun ihre Gedanken kreisen. Er oder sie solle hauptsächlich Schönes schreiben, aber auch Nützliches, am liebsten natürlich behind-the-scene aus Berlin, mit Bildern von glamourösen Partys, Selfies mit Prominenten und so, auch ein bisschen Streetart solle dabei sein, gerne Trendsportarten vor urbanen Traumkulissen oder auch malerische Landschaftsfotos. Bekannt müsse er sein, man wolle sich schließlich mit anderen über ihn austauschen und nicht gleich als Freak in ein Fettnäpfchen treten und dann einsam seine Nische pflegen. Sie sammelte sich und kam nun richtig in Fahrt. Witzig solle er sein, aber auch derbe, nicht zynisch, aber etwas narzistisch misanthrop, snobby aber doch sexuell aktiv, gerne unterschätztes, garendes Hipstermaterial, das einen immer etwas hoffen lasse, ihn ein mal kennenzulernen. Am besten habe er einen Kreativjob, sei jemand der herum komme in Europa, so ein junger, neureicher Besserverdiener, aber mit Fähigkeit zum Understatement, vielleicht mit einem Mode- oder Schuhtick. Er solle das alltägliche Leben unverwechselbar auf den Punkt bringen, mit absurden Vergleichen, mit coolen Sprüchen und Wortspielen, die bei ihm aber niemals albern klingen dürften, eher brutal, erhellend, schonungslos intellektuell, aber doch mit einer Allerweltssicht, die man unbesorgt teilen könne und mit Themen, die sie ebenfalls sehr beschäftigten. Unnahbar aber mit Selbstironie sollten seine Tweets sein, ohne peinliche Ausrutscher, jeder solle wohl bedacht, souverän und alles ohne Ausnahme sein. Ein erkennbarer Stil sei für sie natürlich ein Muss, etwas in jeder Äußerung, das ihn zum Original und unkopierbar mache, und doch müsse man in allem seine Verletzlichkeit, seine Menschlichkeit spüren, er solle tiefsinnig Emotionen äußern, seine Liebe und Ängste in lyrische Ausbrüche werfen können, ungefiltert, herzzerreißend leiden, so dass man ihm wirklich nah sein könne, vielleicht ein Haustier haben, um das er sich rührend kümmere, ein Penthouse von dem sein Frühstückskaffee den besten Ausblick über die Stadt genieße, Sinn für gute Küche natürlich, ständig aufregende Urlaubsziele und weltweit Freunde, die er besuche. Überhaupt solle er überall vernetzt sein und überall zuhaus. Ja das treffe es ganz gut: Er solle einfach überall zuhaus sein. Schließlich säße er schon bald mit ihr auf dem Sofa, ihr erster Twitterer, der oder die erste, dem oder der sie folgen wolle. Ob er da tatsächlich jemanden für sie wüsste.

Für Dich habe ich heute leider kein Photo, dachte er.

Werbeanzeigen